O tempora ...

… o mores: Dekadenztheorien sind immer ein beliebtes Erklärungsmuster, wenn es um die Beschreibung von neuen Entwicklungen geht. Sicher häufig aus einem Reflex geboren, der sich allzu großer Fortschrittsgläubigkeit entgegenstemmen will und dabei dann beginnt, die gute, weil alte Zeit zu idealisieren: was war es doch für ein Spaß, damals, als man noch auf ein Außenklo gehen durfte! Daneben ist die Frontbegradigung auch schon erfolgt, hier die Guten, weil traditionsbewußt das Alte Schätzenden, dort die Bösen, weil traditionsvergessen dem Neuen Hörigen.

Andrew Keen schlägt mit seinem Buch “Die Stunde der Stümper”1) in eben diese Kerbe. Er setzt zu einem Hohelied der bisherigen Medien an, das er zwar im Vorwort zur zweiten Auflage relativiert, aber trotzdem in extrem polemischer Art und Weise vorträgt und dabei die Welt in Schwarz und Weiß darstellt. Wenn er auch im Netz aktiv ist (und diese Aktivitäten sicher auch zur Bewerbung seiner Publikation nutzt), so dürfte die Zielgruppe seiner Philippika doch eher bei jenen alten Männer mit Kugelschreibern liegen: Deutlich wird dies, wenn selbst bereits im medialen Mainstream durchgekaute Angebote wie Second Life vom Übersetzer mit “ein Online-Spiel”2) erklärt werden - und natürlich stürzten sich beim (ersten) Medien-Hype zu Second Life auch die sogenannten Qualitätsmedien hauptsächlich auf ein bestimmtes Thema.

Die überall spürbare Angst, die Leute würden alles im Netz glauben und müßten deswegen weiterhin von professionellen Journalisten und “Experten” mit guter Information versorgt werden, kann ich nicht teilen. Zumal auch die traditionellen Medien ihre Kellerkinder haben, die mehr Kampagne betreiben, denn informieren.

Ebensowenig kann ich den fast physischen Schmerz nachvollziehen, den Keen empfinden muß, ob der Seltsamkeiten, die auf den verschiedenen Videoportalen zu sehen sind - kann ich sie doch wesentlich besser vermeiden, als das Morgen-, Nachmittags-, Frühabend-, Abend- oder Nachtprogramm einiger Fernseh- und Radiosender.

Insgesamt ein belangloses Buch, das nur die gewohnten Sichtweisen bestätigt.

1)
Keen, Andrew: Die Stunde der Stümper. Wie wir im Internet unsere Kultur zerstören. München 2008.
2)
ebd., 11.

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users/rosenke/blog/20081117-o_tempora.txt · Last modified: 2008-11-23 21:36 by rosenke
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